| Das heißt: Riechstoffe sind nicht nur „Geruch“. Sie können als biochemische Signale wirken. Je nachdem, welcher Rezeptor in welchem Gewebe angesprochen wird, können unterschiedliche Zellreaktionen entstehen: Zellwachstum, Zellbewegung, Botenstoff-Freisetzung, Entzündungsprozesse oder Muskelspannung können beeinflusst werden. Genau deshalb ist diese Forschung für Aromatherapie und Aromapflege so spannend – und gleichzeitig ein Grund, fachlich sehr genau zu bleiben. |
| Ein gut untersuchtes Beispiel ist Hedion®, Methyl-Dihydrojasmonat. Dieser jasminartig-blumige Riechstoff aktiviert den menschlichen Pheromonrezeptor VN1R1 im Riechepithel. In Untersuchungen zeigte sich, dass Hedion® ein bestimmtes Kerngebiet im Hypothalamus stimuliert und soziales Verhalten beeinflussen kann. Bei Frauen war die Reaktion deutlich stärker als bei Männern. |
| Ein weiteres Beispiel ist Amylbutyrat. Dieser Stoff duftet fruchtig nach Banane und Aprikose. In Studien an menschlicher Bronchialmuskulatur wurde gezeigt, dass Amylbutyrat den Rezeptor OR2AG1 aktivieren kann. Die Bronchien entspannten und erweiterten sich. Das ist ein interessanter Forschungsansatz bei Atemwegsthemen – keine Aufforderung, Asthma selbst mit Duftstoffen zu behandeln. |
| Auch Troenan, ein Duftstoff aus dem Liguster, wurde untersucht. In Zellstudien an Darmkrebszellen aktivierte Troenan den Rezeptor OR51B4. Die behandelten Zellen wuchsen langsamer und bewegten sich weniger stark. Das sind Laborergebnisse, keine fertige Therapie. Aber sie zeigen, warum Riechrezeptoren als mögliche diagnostische und therapeutische Ansatzpunkte diskutiert werden. |
| Und schließlich Ingwer: Bestimmte scharfe Inhaltsstoffe aus Ingwer können an Rezeptorsystemen wirken, die bei Übelkeit eine Rolle spielen, unter anderem am 5-HT3-System. Auch hier geht es nicht um „ein bisschen Duft gegen alles“, sondern um konkrete Moleküle, Rezeptoren und Signalwege. |
| Gerade deshalb ist diese Forschung so wertvoll. Sie schlägt eine Brücke zwischen Zellphysiologie, Duftchemie und dem praktischen Erfahrungswissen der Aromatherapie. Vieles, was lange beobachtet wurde, bekommt dadurch eine biochemische Erklärung – und gleichzeitig entstehen neue Fragen. Umso wünschenswerter wäre es, dass diese Arbeit auch nach dem Tod von Prof. Hatt weitergeführt wird: sorgfältig, unabhängig, neugierig und mit dem Blick dafür, dass Riechstoffe im Körper weit mehr sein können als nur angenehme Duftsignale. |

