Rosmarinöl im Labor: Warum Erntezeit und Zusammensetzung eine Rolle spielen

Ätherisches Rosmarinöl wird seit Langem wegen seiner anregenden, durchblutungsfördernden und antimikrobiellen Eigenschaften geschätzt. Doch Rosmarinöl ist nicht gleich Rosmarinöl. Seine Zusammensetzung kann sich je nach Herkunft, Klima, Chemotyp und Erntezeit deutlich unterscheiden.
Eine aktuelle Laborstudie aus Marokko hat genau diesen Zusammenhang untersucht. Die Forschenden wollten wissen, wie sich das ätherische Öl des Rosmarins während der Blütezeit verändert und ob diese Veränderungen auch seine Wirkung gegen ausgewählte Bakterien und Hefepilze beeinflussen.
Zusätzlich wurde geprüft, ob das Öl die Wirkung zweier Arzneistoffe verstärken kann: Streptomycin, ein Antibiotikum gegen Bakterien, und Amphotericin B, ein Medikament gegen Pilzinfektionen.
Wichtig ist dabei: Die gesamte Untersuchung fand im Labor statt. Es wurden weder Menschen noch Tiere behandelt.
Rosmarin wurde über mehrere Monate geerntet
Der untersuchte Rosmarin wuchs auf einem Versuchsfeld bei Marrakesch unter trockenen mediterranen Bedingungen. Während der Blütezeit wurden von September bis März jeden Monat blühende Zweige geerntet.
Aus dem getrockneten Pflanzenmaterial gewannen die Forschenden das ätherische Öl durch Wasserdampfdestillation. Anschließend analysierten sie die genaue Zusammensetzung mithilfe der Gaschromatographie und Massenspektrometrie.
Insgesamt wurden 31 Inhaltsstoffe bestimmt. Besonders hoch waren die Anteile von:
- 1,8-Cineol
- α-Pinen
- Campher
Damit handelte es sich um einen Rosmarin des Chemotyps 1,8-Cineol/α-Pinen/Campher.
Im Herbst war die Ölausbeute am höchsten
Die Menge des gewonnenen ätherischen Öls veränderte sich im Laufe der Monate. Die höchsten Ausbeuten wurden im Oktober, November und Dezember gemessen. Im März, gegen Ende der Blütezeit, war die Ausbeute am niedrigsten.
Auch die Anteile der einzelnen Inhaltsstoffe schwankten.
1,8-Cineol war in fast allen Monaten der mengenmäßig wichtigste Bestandteil. Campher war vor allem im Herbst stärker vertreten, während α-Pinen im März deutlich anstieg.
Diese Unterschiede zeigen sehr anschaulich, wie stark Umweltbedingungen auf eine Pflanze einwirken können. Temperatur, Niederschlag, Wasserstress und Entwicklungsphase beeinflussen, welche Duftstoffe die Pflanze bildet und in welcher Menge sie im ätherischen Öl vorkommen.
Gegen welche Keime wurde das Rosmarinöl getestet?
Die verschiedenen Rosmarinöle wurden im Labor mit mehreren klinisch relevanten Mikroorganismen zusammengebracht.
Untersucht wurden die Bakterien:
- Escherichia coli
- Staphylococcus aureus
- Salmonella enterica
Außerdem wurden vier verschiedene Candida-Arten getestet:
- Candida albicans
- Candida glabrata
- Candida krusei
- Candida parapsilosis
Die Forschenden bestimmten, welche Ölkonzentration notwendig war, um das Wachstum der Mikroorganismen zu hemmen oder sie abzutöten.
Die stärkste Wirkung zeigte sich gegen einige Candida-Arten
Alle untersuchten Rosmarinölproben zeigten im Labor eine antimikrobielle Aktivität. Die Wirkung war jedoch nicht gegen alle Keime gleich stark.
Besonders empfindlich reagierten einige der untersuchten Hefepilze. Vor allem Candida krusei und Candida albicans wurden durch das Rosmarinöl gehemmt.
Auch gegen Staphylococcus aureus zeigte das Öl eine gewisse Aktivität.
Schwächer war die direkte Wirkung gegen Escherichia coli und Salmonella enterica. Diese beiden Bakterien gehören zu den gramnegativen Bakterien. Sie besitzen eine zusätzliche äußere Membran, die das Eindringen vieler fettlöslicher Substanzen erschweren kann.
Besonders wirksam waren in vielen Versuchen die Rosmarinöle aus Oktober und November.
Warum könnte das Herbstöl stärker gewirkt haben?
Die Forschenden vermuten, dass die besondere Zusammensetzung im Herbst eine Rolle gespielt haben könnte. In dieser Zeit waren unter anderem 1,8-Cineol und Campher stärker vertreten.
Diese Stoffe werden bereits seit Längerem auf ihre antimikrobiellen Eigenschaften untersucht. Sie können möglicherweise die Zellmembran von Mikroorganismen beeinflussen und dadurch deren Wachstum stören.
Allerdings lässt sich die Wirkung eines ätherischen Öls nicht allein auf einen einzelnen Inhaltsstoff reduzieren. Ätherische Öle bestehen aus vielen verschiedenen Molekülen, die sich gegenseitig ergänzen, abschwächen oder verstärken können.
Gerade dieses Zusammenspiel macht ihre Erforschung so komplex.
Rosmarinöl verstärkte im Labor die Wirkung von Streptomycin
Besonders interessant war die Kombination des Rosmarinöls mit dem Antibiotikum Streptomycin.
Gegen Escherichia coli benötigten die Forschenden in Kombination mit dem Rosmarinöl deutlich weniger Streptomycin, um das sichtbare Bakterienwachstum zu hemmen.
Bei den im Herbst geernteten Ölen verringerte sich die notwendige Streptomycin-Konzentration im Labortest um das bis zu 32-Fache.
Das wird als synergistische Wirkung bezeichnet.
Synergie bedeutet, dass zwei Substanzen gemeinsam stärker wirken, als aufgrund ihrer jeweiligen Einzelwirkung zu erwarten wäre.
Möglicherweise verändert das ätherische Öl die äußere Hülle des Bakteriums oder beeinflusst Transportmechanismen in der Bakterienzelle. Dadurch könnte das Antibiotikum leichter eindringen oder länger in der Zelle verbleiben.
Dieser genaue Mechanismus wurde in der Studie jedoch nicht direkt untersucht. Es handelt sich um eine mögliche Erklärung, die auf früheren Forschungsergebnissen beruht.
Bei Amphotericin B sah das Ergebnis anders aus
Mit dem Pilzmedikament Amphotericin B zeigte sich keine vergleichbar deutliche Verstärkung.
Nur bei Candida glabrata und nur mit dem im September gewonnenen Öl wurde eine echte synergistische Wechselwirkung beobachtet.
Bei den meisten anderen Kombinationen war die Wirkung lediglich additiv oder indifferent. Das bedeutet, dass das Rosmarinöl die Wirkung des Medikaments entweder nur geringfügig oder gar nicht verstärkte.
Bei einigen Konstellationen diskutieren die Forschenden sogar, ob sich beide Substanzen gegenseitig ungünstig beeinflussen könnten.
Dieser Befund ist besonders wichtig. Er zeigt, dass ätherische Öle Medikamente nicht grundsätzlich verstärken.
Je nach Öl, Zusammensetzung, Erreger und Arzneistoff kann eine Kombination hilfreich, wirkungslos oder möglicherweise sogar ungünstig sein.
Was lässt sich aus der Studie ableiten?
Die Untersuchung zeigt, dass ätherisches Rosmarinöl im Labor das Wachstum bestimmter Bakterien und Candida-Arten hemmen kann.
Außerdem macht sie deutlich, dass der Erntezeitpunkt die Zusammensetzung und damit möglicherweise auch die biologische Wirkung des Öls beeinflusst.
Besonders spannend ist die beobachtete Wechselwirkung mit Streptomycin. Das Rosmarinöl verstärkte in dieser Untersuchung die wachstumshemmende Wirkung des Antibiotikums, besonders deutlich gegen Escherichia coli.
Damit liefert die Studie einen interessanten Ansatz für weitere Forschung. Ätherische Öle könnten künftig möglicherweise als sogenannte Adjuvanzien untersucht werden. Das sind Begleitstoffe, die die Wirkung eines Arzneimittels unterstützen.
Was beweist die Studie nicht?
So interessant die Ergebnisse sind, sie lassen sich nicht direkt auf die Behandlung von Menschen übertragen.
Die Studie zeigt nicht,
- dass Rosmarinöl eine Infektion beim Menschen behandeln kann,
- dass es Antibiotika oder Antipilzmittel ersetzen kann,
- dass sich Medikamentendosen dadurch sicher reduzieren lassen,
- welche Dosierung beim Menschen geeignet wäre,
- auf welchem Weg das Öl angewendet werden müsste,
- oder ob die Kombination im menschlichen Körper sicher ist.
Die getesteten Ölkonzentrationen waren teilweise hoch. Ob solche Konzentrationen im menschlichen Gewebe überhaupt sicher und wirksam erreicht werden könnten, ist offen.
Auch mögliche Wechselwirkungen mit Leberenzymen, Schleimhäuten, gesunden Zellen oder anderen Medikamenten wurden nicht untersucht.
Gilt Herbstrosmarin grundsätzlich als besonders wirksam?
Auch diese Schlussfolgerung wäre zu weitgehend.
Untersucht wurde eine bestimmte Rosmarinpopulation unter den klimatischen Bedingungen einer trockenen Region bei Marrakesch.
Rosmarin aus Frankreich, Spanien, Italien oder Mitteleuropa kann anders zusammengesetzt sein. Auch unterschiedliche Chemotypen können deutlich voneinander abweichen.
Die Ergebnisse gelten deshalb zunächst nur für das untersuchte Pflanzenmaterial und die dortigen Bedingungen.
Sie zeigen aber sehr deutlich, warum botanischer Name, Chemotyp, Herkunft und Erntezeitpunkt bei ätherischen Ölen von Bedeutung sind.
Fazit
Die Studie liefert einen spannenden Einblick in die Komplexität ätherischer Öle.
Rosmarinöl hemmte im Labor verschiedene Bakterien und Candida-Arten. Besonders die im Herbst gewonnenen Öle zeigten in vielen Tests eine stärkere Aktivität.
In Kombination mit Streptomycin wurde die antibiotische Wirkung gegen einige Bakterien deutlich verstärkt. Bei Amphotericin B fiel das Ergebnis dagegen wesentlich zurückhaltender aus.
Damit liefert die Untersuchung wertvolle Hinweise für die weitere Forschung, aber noch keine Empfehlung für die medizinische Anwendung.
Ätherisches Rosmarinöl sollte nicht eigenständig innerlich eingenommen oder mit Antibiotika beziehungsweise Antipilzmitteln kombiniert werden. Bei bakteriellen oder pilzbedingten Infektionen bleiben eine fachgerechte Diagnose und eine ärztlich abgestimmte Behandlung entscheidend.
