Ingweröl – zu scharf für die Haut?
Ingwer ist scharf. Wer schon einmal auf einem Stück frischer Ingwerwurzel gekaut oder einen kräftigen Ingwershot getrunken hat, kennt dieses typische Brennen sofort.
Da liegt die Vermutung nahe: Dann muss doch auch ätherisches Ingweröl scharf und hautreizend sein?
Ganz so einfach ist es nicht.
Denn entscheidend ist, wie wir den Ingwer verarbeiten.
Ingwer ist nicht gleich Ingwer
Die typische Schärfe des Ingwers stammt vor allem von den sogenannten Scharfstoffen, insbesondere den Gingerolen. In frischem Ingwer spielt vor allem 6-Gingerol eine wichtige Rolle. Durch Trocknung und Wärme können aus Gingerolen unter anderem Shogaole entstehen. Auch sie gehören zu den charakteristischen Scharfstoffen des Ingwers. (2)
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Gingerole und Shogaole sind nicht bzw. kaum flüchtig.
Bei einer Wasserdampfdestillation machen sie deshalb die Reise mit dem Wasserdampf nicht in relevantem Umfang mit. Untersuchungen der Rückstände nach einer Hydrodestillation zeigen sogar, dass Gingerole und Shogaole im Pflanzenmaterial zurückbleiben.
Exkurs: Frisch oder getrocknet destilliert – macht das einen Unterschied?
Ja. Ätherisches Ingweröl kann sowohl aus frischen als auch aus getrockneten Rhizomen von Zingiber officinale gewonnen werden. Und obwohl in beiden Fällen eine Wasserdampfdestillation stattfindet, können sich die resultierenden Öle in Duft und Zusammensetzung unterscheiden.
Der Grund liegt im Ausgangsmaterial. Frischer Ingwer enthält viel Wasser und besitzt noch das ursprüngliche Spektrum seiner flüchtigen Inhaltsstoffe. Beim Trocknen verliert das Rhizom nicht nur Wasser: Durch Wärme, Sauerstoff, Zeit und enzymatische Prozesse können sich Pflanzenstoffe verändern, teilweise abgebaut oder ineinander umgewandelt werden. Auch besonders leicht flüchtige Bestandteile können während des Trocknens bereits verloren gehen.
Das spiegelt sich anschließend im ätherischen Öl wider.
Aus frischem Ingwer destilliertes Öl wird häufig als frischer, heller, grüner und etwas zitroniger wahrgenommen. Je nach Herkunft und Charge können neben den typischen Sesquiterpenen auch frischere, leichter flüchtige Duftkomponenten deutlicher hervortreten.
Aus getrocknetem Ingwer destilliertes Öl wirkt dagegen häufig wärmer, trockener, erdiger und ausgeprägt würzig. Durch den Wasserverlust liegt außerdem ein konzentrierteres Pflanzenmaterial vor. Gleichzeitig hat sich das Verhältnis einzelner flüchtiger Inhaltsstoffe während der Trocknung bereits verändert.
Zu den charakteristischen flüchtigen Bestandteilen von Ingweröl gehören insbesondere Sesquiterpene wie α-Zingiberen, β-Sesquiphellandren, β-Bisabolen und ar-Curcumen. Ihre jeweiligen Anteile können abhängig von Herkunft, Sorte, Ernte, Trocknung, Lagerung und Destillation erheblich schwanken.
Und hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig:
Beim Trocknen der Ingwerwurzel können sich Gingerole teilweise zu Shogaolen umwandeln. Deshalb kann getrockneter Ingwer sogar ausgeprägt scharf sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein aus getrocknetem Ingwer destilliertes ätherisches Öl entsprechend viele Shogaole enthält.
Gingerole und Shogaole sind wesentlich weniger flüchtig als die typischen Bestandteile eines ätherischen Öls. Bei der Wasserdampfdestillation bleiben sie deshalb weitgehend im Pflanzenmaterial zurück.
Kurz gesagt:
Frisch oder getrocknet beeinflusst das Duftprofil und die Zusammensetzung der flüchtigen Bestandteile des ätherischen Ingweröls.
Ob die charakteristischen Scharfstoffe des Ingwers mitgewonnen werden, ist dagegen vor allem eine Frage des Extraktionsverfahrens.
Und genau hier unterscheidet sich die Wasserdampfdestillation grundlegend von der CO₂-Extraktion.
Das destillierte ätherische Ingweröl besteht dagegen überwiegend aus flüchtigen Duftstoffen. Typisch sind – je nach Herkunft und Charge – beispielsweise Sesquiterpene wie α-Zingiberen, β-Bisabolen, β-Sesquiphellandren und ar-Curcumen; auch die Zusammensetzung kann je nach Ingwersorte deutlich variieren.
Das bedeutet:
Das ätherische Ingweröl riecht nach Ingwer – trägt aber nicht automatisch die „Scharfstoffladung“ der Ingwerwurzel mit sich.
Exkurs: Welche Bedeutung könnten Gingerole für die menschliche Gesundheit haben?
Gingerole sind die wichtigsten scharfen Verbindungen in den Rhizomen des Ingwers (Zingiber officinale Roscoe) und bekannt für ihren Beitrag zur menschlichen Gesundheit und Ernährung. Medizinische Eigenschaften des Ingwers, wie die Linderung von Übelkeit, Arthritis und Schmerzen, werden mit den Gingerolen in Verbindung gebracht.
Ganz anders: Ingwer-CO₂-Extrakt
Bei einer CO₂-Extraktion werden andere Inhaltsstoffe aus der Pflanze herausgelöst als bei der Wasserdampfdestillation.
Und hier können die nicht flüchtigen Scharfstoffe sehr wohl mit ins Produkt gelangen.
Analysen von superkritischen CO₂-Extrakten zeigen beispielsweise relevante Mengen an 6-, 8- und 10-Gingerol sowie verschiedenen Shogaolen. In einer Untersuchung bestand der untersuchte Extrakt sogar zu rund 26 Prozent aus 6-Gingerol. Wie viel davon tatsächlich enthalten ist, hängt allerdings stark vom Rohstoff und vom jeweiligen Extraktionsverfahren ab. (1)
Genau deshalb dürfen wir ätherisches Ingweröl und Ingwer-CO₂-Extrakt nicht einfach gleichsetzen.
Gut zu wissen: Ingwer Co2 enthält auch Farbstoffe und ist deshalb intensiv orange/braun.
Vereinfacht gesagt:
Wasserdampfdestillation → Duftstoffe
vor allem flüchtige Mono- und Sesquiterpene
CO₂-Extraktion → deutlich breiteres Stoffgemisch
je nach Extraktionsbedingungen einschließlich Gingerolen und Shogaolen – also den Stoffen, die wesentlich für die typische Ingwerschärfe verantwortlich sind.
Und diese Unterscheidung ist gerade für die Hautanwendung wichtig.
Ist ätherisches Ingweröl also „zu scharf“ für die Haut?
Nein – jedenfalls nicht deshalb, weil Ingwer als Gewürz scharf schmeckt.
Die Schärfe der Wurzel lässt sich nicht eins zu eins auf das wasserdampfdestillierte ätherische Öl übertragen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass wir ätherisches Ingweröl gedankenlos oder hoch dosiert auf die Haut geben sollten. Auch hier gelten die üblichen Regeln einer fachgerechten Aromapflege: Qualität beachten, sinnvoll dosieren und für Hautanwendungen in der Regel verdünnen.
Beim Ingwer-CO₂-Extrakt lohnt dagegen ein besonders genauer Blick auf die Deklaration und die Analytik des jeweiligen Produktes. Denn hier können tatsächlich relevante Mengen der Scharfstoffe enthalten sein.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft:
Der Pflanzenname allein sagt uns noch nicht, was in einem Fläschchen steckt.
Ob destilliert, kaltgepresst, als Absolue oder CO₂-Extrakt – das Gewinnungsverfahren entscheidet ganz wesentlich darüber, welche Moleküle am Ende tatsächlich enthalten sind.
Beim Ingwer lässt sich das besonders schön zeigen:

- Die Wurzel ist scharf.
- Das destillierte ätherische Öl enthält diese klassischen Scharfstoffe kaum bzw. nicht in relevanter Menge.
- Der CO₂-Extrakt kann sie dagegen sehr wohl enthalten.
Also: Ingweröl zu scharf für die Haut?
Nicht vorschnell vom Geschmack der Ingwerwurzel auf das ätherische Öl schließen.
Erst die Chemie anschauen – und unbedingt aufs Gewinnungsverfahren achten.
Quelle:
(1) Swapna Sonale R, Kadimi US. Characterization of gingerol analogues in supercritical carbon dioxide (SC CO2) extract of ginger (Zingiber officinale, R.,). J Food Sci Technol. 2014 Nov;51(11):3383-9.
(2) Semwal RB, Semwal DK, Combrinck S, Viljoen AM. Gingerols and shogaols: Important nutraceutical principles from ginger. Phytochemistry. 2015 Sep;117:554-568.


