Professionelle Aromapflege braucht Vertrauen, Wissen und Spielraum
Wenn ich im privaten Umfeld vor hochdosierter Anwendung, innerer Einnahme oder unreflektierter Nutzung ätherischer Öle warne, dann tue ich das aus gutem Grund.
Ätherische Öle sind hochkonzentrierte Pflanzenextrakte. Sie können viel Gutes bewirken, verlangen aber Wissen, Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein. Gerade zu Hause wird oft unterschätzt, wie stark ätherische Öle wirken können – besonders, wenn sie pur, hochdosiert oder innerlich angewendet werden.
Diese Warnung richtet sich jedoch nicht gegen professionell geschulte Pflegekräfte.
Professionelle Aromapflege bedeutet individuelle Therapieentscheidungen
In der professionellen Aromapflege geht es nicht darum, möglichst viele Verbote einzuhalten oder starre Dosierungstabellen abzuarbeiten.
Es geht darum, die Situation des einzelnen Menschen fachlich einzuschätzen.

Gerade im palliativen Kontext oder auf onkologischen Stationen können Situationen entstehen, in denen – in enger Absprache mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie dem therapeutischen Team – auch Dosierungen oder Anwendungen gewählt werden, die im häuslichen Bereich nicht oder nur sehr zurückhaltend empfohlen würden.
Warum?
Weil sich die Therapieziele grundlegend unterscheiden.
Zu Hause steht häufig die sichere Unterstützung kleiner Alltagsbeschwerden im Vordergrund.
Im Krankenhaus, im Hospiz oder auf einer Palliativstation geht es dagegen oft darum, einem schwerkranken Menschen Atemnot zu erleichtern, Angst zu lindern, starke Schmerzen besser erträglich zu machen oder die verbleibende Lebensqualität zu verbessern.
Und genau diese Unterscheidung ist mir wichtig.
In der professionellen Aromapflege arbeiten Menschen, die geschult sind, beobachten, dokumentieren, abwägen und Verantwortung übernehmen. Sie begegnen Patientinnen und Patienten nicht mit Standardrezepten, sondern mit fachlicher Einschätzung und menschlicher Aufmerksamkeit.
Professionelle Aromapflege bedeutet deshalb nicht: „Ich nehme einfach ein starkes Öl.“
In solchen Situationen wird sorgfältig abgewogen:
Welchen Nutzen bringt die Anwendung?
Welche Risiken bestehen?
Welche Vorerkrankungen liegen vor?
Welche Medikamente erhält der Patient bereits?
Welche therapeutischen Ziele stehen im Vordergrund?
Manchmal fällt diese Nutzen-Risiko-Abwägung anders aus als bei einem gesunden Menschen zu Hause.
Das bedeutet jedoch nicht, dass plötzlich andere Sicherheitsregeln gelten oder dass höhere Dosierungen grundsätzlich “besser” wären.
Es bedeutet vielmehr, dass professionelle Aromapflege immer Teil eines Gesamtkonzeptes ist. Entscheidungen werden auf Basis von Fachwissen, Erfahrung, ärztlicher Rücksprache und der individuellen Situation des Menschen getroffen.
Genau deshalb dürfen Empfehlungen für die häusliche Selbstanwendung nicht einfach auf die professionelle Pflege übertragen werden – und umgekehrt ebenso wenig.
Das ist für mich der entscheidende Unterschied zwischen Aromatherapie als verantwortungsvoll eingesetzte komplementäre Therapie und unreflektierter Selbstanwendung nach Social-Media-Tipps.

Genau dafür brauchen Pflegende Fachwissen – aber auch Spielraum.
Denn wer täglich mit schwerkranken, alten, sterbenden oder stark belasteten Menschen arbeitet, weiß: Nicht jede Situation passt in eine starre Standardempfehlung. Gute Pflege braucht Beziehung, Erfahrung, Beobachtung und die Freiheit, verantwortungsvoll zu entscheiden.
Gleichzeitig bleibt die klare Grenze wichtig:
Laien brauchen Sicherheitsgrenzen.
Professionell Pflegende brauchen Fachwissen, Verantwortung und Vertrauen in ihre Kompetenz
Einnahme – Hochdosierungen & unbedachte Selbstanwendung
Wenn ich also vor der inneren Einnahme ätherischer Öle, vor Hochdosierungen oder vor unbedachter Selbstanwendung warne, dann meine ich damit vor allem Anwendungen im privaten Umfeld ohne fachliche Begleitung. Ätherische Öle sind keine Nahrungsergänzungsmittel. Sie sind keine harmlosen Alltagsprodukte nach dem Motto „natürlich = ungefährlich“.
Ich wollte diesen Artikel gerade veröffentlichen, als eine Kundin mein Geschäft betrat. Es war eine dieser Begegnungen, die einen innehalten lassen. Das Gespräch hat mich so bewegt, dass ich diesen Abschnitt unbedingt noch ergänzen möchte.
Die Kundin erzählte mir, dass sie bisher ausschließlich ätherische Öle einer bestimmten Marke verwendet habe und nun von ihrer Heilpraktikerin zu mir geschickt worden sei.
Im Gespräch fragte ich ganz beiläufig:
„Nehmen Sie ätherische Öle auch innerlich ein?“Ihre Antwort:
„Ja, seit etwa vier Jahren. Jeden Tag eine Mischung zur Unterstützung des Immunsystems.“Die Mischung enthielt unter anderem Orange, Gewürznelke, Zimt, Eukalyptus und Rosmarin.
Ich erklärte ihr, dass eine langfristige tägliche Einnahme solcher ätherischen Öle durchaus kritisch zu betrachten sei und empfahl ihr, ihre Leberwerte kontrollieren zu lassen beziehungsweise mit ihrer behandelnden Ärztin oder ihrem Arzt darüber zu sprechen.
Plötzlich wurde sie ganz blass.
Dann sagte sie:
„Genau deshalb bin ich überhaupt bei der Heilpraktikerin. Meine Leberwerte sind seit einiger Zeit deutlich erhöht.“Ob die ätherischen Öle dafür verantwortlich sind, kann und möchte ich nicht behaupten. Dafür gibt es viele mögliche Ursachen, die ärztlich abgeklärt werden müssen.
Aber genau dieser Moment hat mir wieder gezeigt, wie wichtig es ist, Fragen zu stellen und Anwendungen kritisch zu hinterfragen.
Ätherische Öle sind keine Nahrungsergänzungsmittel, die man über Jahre hinweg selbstverständlich täglich einnimmt. Auch natürliche Stoffe werden vom Körper verstoffwechselt und können – insbesondere bei langfristiger oder hochdosierter Anwendung – Risiken mit sich bringen.
Siehe auch meinen Artikel Natürlich – aber fremd: Was ätherische Öle im Körper wirklich sind (klick hier)

Ein Vergleich macht es vielleicht besonders deutlich:
Würdest du deinem Kind ein Medikament geben, das du nicht kennst – ohne den Beipackzettel zu lesen, ohne die Dosierung zu prüfen und ohne zu wissen, ob es für Alter, Gewicht und Situation überhaupt geeignet ist?
Wahrscheinlich nicht.
Warum also passiert genau das bei ätherischen Ölen so häufig?

Ich beobachte immer wieder, dass Eltern Anwendungen übernehmen, weil sie in einem Reel, einer Facebook-Gruppe oder von einer sympathischen Person auf Instagram empfohlen wurden. Soziale Medien schaffen heute ein Vertrauen, das es in dieser Form früher nicht gab. Menschen vertrauen unreflektiert fremden Empfehlungen, obwohl sie weder Ausbildung noch Fachkompetenz der empfehlenden Person einschätzen können.
Und leider trifft es dabei oft die Kinder.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihre Haut, ihre Atemwege, ihr Stoffwechsel und ihr Nervensystem reagieren empfindlicher. Deshalb braucht es gerade bei Babys und Kindern besonders viel Wissen über geeignete Öle, sichere Verdünnungen, Altersgrenzen und Kontraindikationen.
Mir geht es nicht darum, Angst vor ätherischen Ölen zu machen. Mir geht es darum, Respekt vor ihrer Wirkung zu schaffen.
Denn ätherische Öle enthalten hochwirksame Inhaltsstoffe, die Haut und Schleimhäute reizen, Wechselwirkungen mit Medikamenten haben oder bei bestimmten Erkrankungen problematisch sein können. Deshalb gehört die therapeutische Anwendung in erfahrene Hände.
Aber erfahrene Hände dürfen nicht durch falsch verstandene Warnungen verunsichert oder ausgebremst werden
Genau deshalb habe ich mich vor über 20 Jahren entschieden, mein Wissen nicht nur in der Praxis anzuwenden, sondern weiterzugeben. Ich wollte Pflegenden die Kompetenz vermitteln, ätherische Öle sicher, verantwortungsvoll und fachlich fundiert einzusetzen – mit dem nötigen Wissen, aber auch mit dem erforderlichen Handlungsspielraum.
Seitdem durfte ich Hunderte Pflegefachpersonen auf ihrem Weg zur Expertin bzw. zum Experten für Aromapflege und Aromatherapie begleiten. Darauf bin ich bis heute stolz.
Denn jede gut ausgebildete Pflegefachperson trägt dieses Wissen weiter – zu den Menschen, die es am dringendsten brauchen.
Informationen zur Ausbildung zur Expertin oder zum Experten Aromatherapie/-pflege findest du hier und hier auf unserer Webseite sowie in dieser PDF-Broschüre mit allen zusammengefassten Informationen.
Auch meine Bücher verfolgen genau dieses Ziel. Einige richten sich bewusst an Pflegefachpersonen und Therapeutinnen und Therapeuten, die ihr Fachwissen vertiefen möchten. Andere habe ich für Eltern, Frauen und interessierte Laien geschrieben, die ätherische Öle sicher, verantwortungsvoll und mit Freude in ihren Alltag integrieren möchten.
Pflegende leisten jeden Tag Unglaubliches. Sie sind da, wenn es darauf ankommt. Sie halten aus, was andere kaum aushalten können. Sie schenken Nähe, Trost und Würde.
Meine Haltung ist deshalb klar:
Ich warne vor unreflektierter Selbstanwendung.
Ich stehe für sicheren Umgang mit ätherischen Ölen.
Und ich habe großen Respekt vor professioneller Aromapflege.
Aromapflege ist mehr als Wissen über Öle. Sie ist die Kunst, im richtigen Moment das Richtige für den Menschen zu tun.
Gerade weil ich beide Welten kenne – die professionelle Aromapflege und die Beratung von Familien und Laien – weiß ich, wie wichtig es ist, diese beiden Bereiche klar voneinander zu trennen. Nicht, weil die eine Anwendung richtiger ist als die andere, sondern weil beide völlig unterschiedliche Voraussetzungen, Ziele und Verantwortlichkeiten haben.
Mit Respekt für eure Arbeit.
Mit Vertrauen in eure Kompetenz.
Sabrina Herber
Wichtig:
Ich bin keine Wissenschaftlerin – aber eine Wissenschafferin. Ich liebe es, Wissen zu sammeln, es greifbar zu machen und mit anderen zu teilen. Dieser Artikel ersetzt weder deinen Arzt/Ärztin, Therapeut*in noch deine Eigenverantwortung und ist in keinster Weise als Therapie gedacht. Er soll informieren, inspirieren und dein Bewusstsein zu schärfen.
Mir ist bewusst, dass ich keinen Anspruch auf absolute wissenschaftliche Korrektheit erhebe – mein Ziel ist es vielmehr, gesundheitsbewussten und interessierten Menschen einen einfachen, alltagstauglichen Zugang zu diesem faszinierenden Thema zu ermöglichen. Ich hoffe sehr, dass mir das mit diesem Artikel gelungen ist.
Wenn du aus meinen Beiträgen Inspiration oder wertvolle Impulse mitnehmen kannst, freue ich mich über dein Feedback, einen Einkauf in meinem Shop oder einen kleinen Beitrag in die Spendenkasse.
Danke fürs Lesen und dein Interesse an der Welt der Düfte!
:: Was ist dir/Ihnen wert, im Bereich der ätherischen Öle über aktuelle Themen zu lesen, basierend auf seriöser Recherche? Seit
2009 kann dieses onlineMagazin zum Thema Aromatherapie kostenlos gelesen werden. Alle aktuellen und insgesamt weit über 400 Artikel über die Aromatherapie und die Aromapflege stehen euch und Ihnen hier kostenlos zur Verfügung. Meine durch Idealismus angetriebenen Recherchen, Übersetzungen, Zusammenfassungen und Einschätzungen verschenke ich, die technischen Kosten zum Betreiben einer datensicheren Website werden jedoch nicht weniger. Eine Spende kann zur Deckung dieser unsichtbaren Leistungen beitragen, ich freue mich zudem über eine Wertschätzung meiner Arbeit. Hier geht es zum Spendenformular.
Hinweis zu Dosierungen und unterschiedlichen Rezepturen
Wir werden oft gefragt, warum die Dosierung im Buch eine andere ist, als in unseren Podcasts, oder warum wir nun die eine oder andere Mischung für eine spezielle Anwendung mit unterschiedlichen ätherischen oder fetten Ölen empfehlen. Dies hat unterschiedliche Gründe, z.B. können wir in den Podcasts noch viele Erklärungen und Ergänzungen einfügen, wir können die Dosierungen für einzelne Menschen besser differenzieren als in Büchern. Ausserdem vergleichen wir auch die Inhaltsstoffe einzelner ätherischer Öle, so dass wir viele alternative Mischungen mit ganz unterschiedlichen Ölen empfehlen können, die jedoch allesamt gut funktionieren. Wir möchten damit auch aufmerksam machen, dass die Anwendung ätherischer Öle so vielfältig ist wie kaum eine andere naturheilkundliche Anwendung. Sicher – dazu braucht man das nötige “Know how” und sicherlich auch jahrelange Erfahrung.
Deshalb schreiben wir Bücher, Magazine, Blogbeiträge, machen Podcasts, kleine Videos, Newsletter mit Mehrwert und unterrichten Menschen. Wir lassen dich an unserem Wissen also teilhaben und dies meistens sogar kostenlos.



2009 kann dieses onlineMagazin zum Thema Aromatherapie kostenlos gelesen werden. Alle aktuellen und insgesamt weit über 400 Artikel über die Aromatherapie und die Aromapflege stehen euch und Ihnen hier kostenlos zur Verfügung. Meine durch Idealismus angetriebenen Recherchen, Übersetzungen, Zusammenfassungen und Einschätzungen verschenke ich, die technischen Kosten zum Betreiben einer datensicheren Website werden jedoch nicht weniger. Eine Spende kann zur Deckung dieser unsichtbaren Leistungen beitragen, ich freue mich zudem über eine Wertschätzung meiner Arbeit.
Liebe Sabrina
Du hast es auf den Punkt gebracht. Sehr gut formuliert, so wie in unseren Gesprächen in Oy.
Liebe Grüße auch an Deinen Lieben Mann
Sabine Stolz